Natürliche Hormontherapie – was heißt das eigentlich?
Natürliche Hormontherapie – ein Begriff, der in Zeiten zunehmender hormoneller Beschwerden immer häufiger fällt. Doch was genau bedeutet "natürlich" in diesem Zusammenhang? Wie unterscheiden sich bioidentische (naturidentische) Hormone von synthetischen Hormonpräparaten – chemisch und pharmakologisch? Und wie wirken sie bei häufigen gynäkologischen Beschwerden wie PCOS, PMS, Endometriose oder Wechseljahresbeschwerden im Vergleich? In diesem Beitrag erklären wir die Grundlagen natürlicher Hormone, werfen einen Blick auf Phytohormone aus Pflanzen und beleuchten den Stand der wissenschaftlichen Evidenz.

Written by
Lisa Emmer, Ärztin

Natürliche vs. synthetische Hormone: Definition und chemische Unterschiede
Natürliche (bioidentische) Hormone sind Hormone, deren chemische Struktur exakt den körpereigenen Hormonen entspricht. Oft werden sie aus pflanzlichen Vorstufen (z.B. Yamswurzel oder Soja) synthetisiert, sodass das Endprodukt mit dem in unserem Körper produzierten Hormon identisch ist. Dadurch passen bioidentische Hormone an die körpereigenen Hormonrezeptoren „wie Schlüssel ins Schloss“ und lösen die gleichen Wirkungen aus wie das endogene Hormon. Beispiele sind Progesteron (Gelbkörperhormon) oder die Östrogene Estradiol (E2) und Estriol (E3), die in zugelassenen Präparaten exakt in dieser Form vorliegen.
Synthetische Hormone hingegen sind chemisch abgewandelte Derivate, die zwar ähnliche Wirkungen entfalten, aber strukturell nicht identisch mit den humanen Hormonen sind. Durch kleine Modifikationen an der Molekülstruktur soll oft die Wirksamkeit oder Verabreichbarkeit verbessert werden – diese Veränderungen können jedoch auch andere Wirkungen mit sich bringen. Ein klassisches Beispiel ist Ethinylestradiol (EE), ein in Antibabypillen weit verbreitetes synthetisches Östrogen. Hier sorgt eine angehängte Ethinyl-Gruppe am Estradiol-Molekül dafür, dass das Hormon beim Schlucken nicht sofort in der Leber abgebaut wird. Dadurch ist Ethinylestradiol oral viel wirksamer als natürliches Estradiol – allerdings hat es auch einen stärkeren Einfluss auf die Leber und die Bildung von Gerinnungsfaktoren. Ein anderes Beispiel ist Medroxyprogesteronacetat (MPA), ein synthetisches Gestagen (Progesteron-Derivat), bei dem die Struktur von Progesteron so verändert wurde, dass es länger im Körper wirkt und oral gut verfügbar ist. Diese Modifikation bringt aber auch ungewollte Zusatzaktivitäten an anderen Hormonrezeptoren mit sich. Synthetische Gestagene wie MPA oder auch Levonorgestrel, Norethisteron & Co. binden zum Teil nicht nur an Progesteron-Rezeptoren, sondern z.B. auch an Androgen- oder Glukokortikoid-Rezeptoren und können dadurch andere Nebenwirkungen auslösen.
Wirkungsweise: Bioidentische Hormone vs. synthetische Derivate

Chemie und Struktur entscheiden maßgeblich darüber, wie Hormone im Körper wirken. Bioidentische Hormone – etwa mikronisiertes Progesteron oder transdermales (über die Haut) Estradiol – entfalten an den Zielrezeptoren im Körper im Grunde dieselbe Wirkung wie die körpereigenen Hormone. Wichtig zu wissen: „Natürlich“ heißt nicht, dass diese Hormone direkt aus der Pflanze stammen und unbehandelt wirken würden – auch bioidentische Hormone werden im Labor aus pflanzlichen Steroiden synthetisiert, bis das Molekül identisch ist. Die natürliche Herkunft garantiert also nicht automatisch ein wirkungsloseres oder sichereres Profil, aber die identische Struktur kann bedeuten, dass unser Körper sie besser „kennt“ und in physiologischen Bahnen damit umgeht.
Beispielsweise hat Estradiol 17β – das identische Östrogen, das die Eierstöcke produzieren – in üblicher Dosierung einen geringeren Einfluss auf die Leber als das künstlich veränderte Ethinylestradiol. Dies resultiert in einem günstigeren Stoffwechsel- und Gerinnungsprofil, was langfristig wichtig für Herz-Kreislauf-Risiken ist. Allerdings war es in der Vergangenheit technisch eine Herausforderung, reines Estradiol in der Pille einzusetzen, da es ohne Modifikation zu schnell abgebaut wurde – neuere Pillen mit Estradiolvalerat und sehr potenten Gestagenen lösen dieses Problem zunehmend.
Synthetische Hormon-Derivate zeigen oft abweichende Wirkprofile. So ist Medroxyprogesteronacetat (MPA) zwar ein wirksames Gestagen zur Unterdrückung des Zyklus (es wird als Depotspritze zur Verhütung und in der Hormonersatztherapie genutzt), doch es aktiviert in Zellen teilweise andere Gene als natürliches Progesteron. Studien haben gezeigt, dass MPA in Brustgewebe ein Genexpressionsmuster erzeugt, das zu einem großen Teil mit dem von Dihydrotestosteron (DHT) – einem männlichen Androgen – überlappt, während Progesteron dieses nicht tut. Das heißt, MPA wirkt nicht nur als Progesteron-Ersatz, sondern hat auch androgenartige Effekte, die Progesteron selbst nicht besitzt. Diese komplexe Pharmakologie von MPA könnte mitverantwortlich sein für einige Nebenwirkungen – zum Beispiel wird diskutiert, dass die Erhöhung des Brustkrebsrisikos in Studien wie der Women’s Health Initiative (WHI) vor allem durch das synthetische Gestagen bedingt war.
Progesteron dagegen hat in Studien andere, teils entgegengesetzte Wirkungen auf Brustgewebe gezeigt, nämlich eher schützende Effekte in Bezug auf Zellwachstum. Hier zeigt sich: Kleine chemische Unterschiede können große funktionelle Auswirkungen haben. Ähnliches gilt für die Wirkstärke an verschiedenen Organen: Ethinylestradiol aktiviert die Östrogenrezeptoren stark und dauerhaft, was zuverlässig gegen Beschwerden wie Hitzewallungen oder Akne hilft, aber eben auch künstlich hohe Östrogeneffekte im Körper auslöst (z.B. erhöhte Bildung von Gerinnungsproteinen, wodurch das Thromboserisiko steigt).
Natürliches Estradiol in moderater Dosierung wirkt kürzer und mehr dem natürlichen Zyklus entsprechend – das kann metabolisch verträglicher sein, führte in früheren Verhütungspillen aber zu Zwischenblutungen, weshalb man damals auf Ethinylestradiol setzte. Inzwischen hat man gelernt, Estradiol mit modernen Gestagenen zu kombinieren, um stabile Zyklen zu erreichen.
Zusammenfassend kann man sagen: Bioidentische Hormone docken an, wo der Körper sie erwartet, und lösen die „normale“ Hormonwirkung aus. Synthetische Hormone können an denselben Rezeptoren andocken, aber aufgrund ihrer strukturellen Abweichungen auch an anderen Rezeptoren und dadurch mehr oder andere Signale senden. Das kann je nach Ziel erwünscht sein (z.B. stärkere Ovulationshemmung) oder unerwünschte Nebeneffekte zur Folge haben (z.B. androgenbedingte Effekte durch manche Gestagene). Jede Substanz muss daher individuell betrachtet werden – „bioidentisch“ bedeutet strukturelle Gleichheit, während „synthetisch“ eine Bandbreite an Wirkvarianten bedeuten kann.
Wann macht eine Hormontherapie überhaupt Sinn?
Hormonelle Vorgänge spielen bei vielen gynäkologischen Erkrankungen und Beschwerden eine zentrale Rolle. Entsprechend werden sowohl synthetische Hormonpräparate als auch bioidentische Hormone zur Behandlung eingesetzt – oder es wird versucht, den Hormonhaushalt auf natürliche Weise zu beeinflussen. Im Folgenden betrachten wir vier wichtige Bereiche: PCOS, PMS, Endometriose und Wechseljahresbeschwerden, und wie natürliche vs. synthetische Hormone hierbei zum Einsatz kommen.

PCOS (Polyzystisches Ovarialsyndrom)
Das Polyzystische Ovarialsyndrom ist eine der häufigsten hormonellen Störungen der Frau im gebärfähigen Alter. Es ist gekennzeichnet durch Zyklusstörungen (unregelmäßige und/oder verlängerte Zyklen, seltene Eisprünge), erhöhte Androgene (männliche Hormone, z.B. Testosteron) und oft zahlreiche "Eibläschen" an den Eierstöcken. Die Symptome reichen von ausbleibenden oder unregelmäßigen Regelblutungen bis zu Akne, Haarausfall und verstärkter Körperbehaarung (Hirsutismus) durch den Androgenüberschuss.
Wie können Hormone hier helfen? Aus schulmedizinischer Sicht wird bei PCOS – sofern keine Schwangerschaft angestrebt wird – meist die Antibabypille als Therapie erster Wahl empfohlen. Genauer gesagt kommen Kombinationspillen mit Östrogen und Gestagen zum Einsatz, da diese mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: Sie unterdrücken den Eisprung und regulieren den Zyklus, schützen die Gebärmutterschleimhaut vor übermäßiger Östrogeneinwirkung (wichtig, da bei seltenen Perioden sonst das Hyperplasie-Risiko steigt) und verringern durch das Östrogen-Gestagen-Zusammenspiel auch die Androgenwirkung. Letzteres gelingt, weil die Pillenhormone die Ausschüttung von LH (Luteinisierendem Hormon) drosseln und damit die Androgenproduktion im Ovar senken, und weil das enthaltene Östrogen die Bildung von SHBG (sexualhormonbindendem Globulin) in der Leber erhöht – was das freie, biologisch aktive Testosteron im Blut reduziert. Kurz gesagt: Synthetische Pillehormone sind ein effektives Mittel, um den hormonellen Teufelskreis bei PCOS für die Zeit der Einnahme zu durchbrechen, Zyklusregelmäßigkeit herzustellen und Haut-/Haarsymptome zu lindern.
Dabei kommen in der PCOS-Therapie häufig synthetische Derivate zum Einsatz, z.B. Ethinylestradiol als Östrogenkomponente und Gestagene wie Cyproteronacetat oder Drospirenon, die zusätzlich anti-androgen wirken. Rein bioidentische Hormone findet man in klassischen PCOS-Medikationen weniger – allerdings gibt es neuere Pille-Präparate (z.B. mit Estradiolvalerat + Dienogest), die ein bioidentisches Östrogen nutzen, kombiniert mit einem modernen Gestagen, um das metabolische Profil günstiger zu gestalten. Bioidentisches Progesteron anstelle eines synthetischen Gestagens wird bei PCOS selten verwendet, da reines Progesteron die Androgenproblematik nicht adressiert und oral hoch dosiert werden müsste. Eine Ausnahme kann sein, wenn eine Frau keine Östrogene nehmen darf oder möchte – dann könnte ein Gestagen-allein-Regime eingesetzt werden, z.B. intermittierend mikronisiertes Progesteron für regelmäßige Abbruchblutungen oder die Minipille bzw. Hormonspirale mit synthetischem Gestagen, um zumindest die Gebärmutterschleimhaut zu schützen.
Generell gilt aber: Die Pille (bzw. Kombinationshormone) behandelt nicht die Ursache des PCOS, sondern managt die Symptome und schützt Organe. Aus funktioneller und ganzheitlicher Sicht wird daher bei PCOS stark auf Lebensstil-Änderungen gesetzt – Gewichtsreduktion, Ernährungsumstellung und Bewegung können den Stoffwechsel verbessern und den Zyklus oft von selbst normalisieren. Diese Maßnahmen sind hormonfrei, beeinflussen aber indirekt den Hormonhaushalt (insbesondere Insulin und damit auch die Ovarfunktion). Phytohormone spielen in der schulmedizinischen PCOS-Therapie bislang kaum eine Rolle. In der komplementärmedizinischen Praxis hingegen werden zunehmend pflanzliche Substanzen wie Mönchspfeffer (Vitex agnus-castus) zur Zyklusregulation, Apigenin zur Modulation der Ovarfunktion sowie Inositol – ein insulin-sensitivierendes Supplement mit gut belegter Studienlage – eingesetzt. Erste Daten zeigen dabei durchaus vielversprechende Effekte auf Zyklusregularität, Hormonbalance und Stoffwechselparameter.
Natürliche Hormontherapie im Sinne von bioidentischen Hormonen findet bei PCOS also eher am Rande statt – etwa in Form einer zyklischen Progesteron-Gabe in der zweiten Zyklushälfte, um einen „ausgefallenen“ natürlichen Progesteronpeak zu ersetzen. Diese Methode adressiert jedoch nicht direkt die Kernprobleme Insulinresistenz und erhöhte Androgene.
PMS (Prämenstruelles Syndrom)

Das prämenstruelle Syndrom umfasst zyklisch wiederkehrende Beschwerden in den Tagen vor der Periodenblutung – von Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Depressionen bis zu körperlichen Symptomen wie Brustspannen, Migräne, Wassereinlagerungen und Heißhunger. Bei etwa 5% der Frauen sind die Symptome so stark (dann spricht man oft von PMDS, Prämenstrueller Dysphorischer Störung), dass sie Arbeit, Beziehungen und Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Da PMS offensichtlich mit dem Monatszyklus zusammenhängt, liegt die Idee nahe, hormonell einzugreifen.
Natürliches Progesteron wurde und wird häufig als mögliche Therapie diskutiert, da PMS-Beschwerden oft in der zweiten Zyklushälfte auftreten, wenn Progesteron eigentlich dominiert – die Hypothese war, dass ein relativer Progesteronmangel oder ein abruptes Absinken des Progesteronspiegels vor der Mens die Ursache sein könnten. In den 1980er und 90er Jahren war daher die Gabe von mikronisiertem Progesteron oder Progesteron-Creme in der Lutealphase populär. Die Evidenz ist allerdings enttäuschend uneinheitlich. Eine Cochrane-Analyse fand letztlich keine überzeugende Wirksamkeit von Progesteron in den wenigen qualitativ guten Studien: Weder konnte klar bewiesen werden, dass Progesteron PMS signifikant bessert, noch dass es wirkungslos ist – die Datenlage war schlicht zu dünn und heterogen. Mit anderen Worten: Progesteron ist als PMS-Therapie nicht eindeutig belegt, auch wenn manche Frauen individuell eine Besserung verspüren mögen. Nebenwirkungen waren in den Studien milde, so dass ein Therapieversuch mit Progesteron (z.B. 200–300 mg oral in der 2. Zyklushälfte) bei schweren Fällen erwogen werden kann – aber man sollte keine Garantie auf Erfolg erwarten.
In der klassischen Medizin hat sich zur Behandlung des schweren PMS/PMDS inzwischen eine andere Substanzklasse bewährt: SSRI-Antidepressiva (wie z.B. Fluoxetin oder Sertralin). Diese gelten heute als Mittel der ersten Wahl bei PMDS. Hormonell geht man konventionell oft den Weg, den ganzen Zyklus lahmzulegen: Durch Ovulationshemmer (die Antibabypille, möglichst im Langzyklus ohne Pillenpause) wird das Auf und Ab der Hormone unterdrückt, was bei manchen Frauen PMS-Symptome reduziert. Insbesondere Pillen mit dem Gestagen Drospirenon (das eine dem natürlichen Progesteron ähnliche, anti-aldosteronische Wirkung hat) zeigen gute Effekte auf PMS/PMDS und sind für diese Indikation zugelassen. Paradoxerweise kann aber auch die Pille PMS verschlechtern – das ist sehr individuell.
Was bietet die natürliche Behandlung? Viele Betroffene setzen auf pflanzliche Mittel und Lifestyle: Mönchspfeffer (Vitex agnus-castus) ist ein pflanzliches Mittel, dem in Studien eine Besserung v.a. körperlicher PMS-Symptome nachgesagt wird. Es wirkt vermutlich über eine Dopaminwirkung auf die Hypophyse und senkt das Prolaktin, was zyklische Brustschmerzen bessern kann. Auch Kalzium- und Magnesiumsupplemente, Vitamin B6 und Entspannungsübungen werden empfohlen. Diese Ansätze haben ein günstiges Nebenwirkungsprofil, aber die wissenschaftliche Evidenz ist teilweise begrenzt. Bioidentische Hormone im engeren Sinne (Estradiol, Progesteron etc.) spielen in der Alternativmedizin bei PMS insofern eine Rolle, als einige Ärzte der bioidentischen Hormontherapie-Schule versuchen, fein abgestimmt die Hormonspiegel zu „optimieren“ – z.B. durch Progesteroncremes oder -kapseln an bestimmten Zyklustagen. Aus schulmedizinischer Sicht ist das Konzept umstritten, zumal PMS kein eindeutig messbarer Hormonmangel ist, sondern eher eine veränderte Neurotransmitter-Reaktion auf die normalen Hormonänderungen darstellt. Die Cochrane-Review-Autoren betonen, dass noch gut gemachte Studien nötig wären, um die Wirksamkeit höherer Progesterondosen oder spezifischer Subgruppen zu prüfen.
Endometriose

Endometriose ist eine chronische Erkrankung, bei der gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter wächst – etwa im Bauchraum, an den Eierstöcken, Eileitern oder am Darm. Dieses Gewebe reagiert auf Hormone wie die normale Gebärmutterschleimhaut, was zu zyklischen Entzündungen, Schmerzen und Verwachsungen führen kann. Endometriose ist eine östrogenabhängige Erkrankung – Östrogen fördert das Wachstum der Herde, Progesteron wirkt eher hemmend. Daher zielt die medikamentöse Therapie meist darauf ab, die Östrogenwirkung zu reduzieren und die Herde „auszutrocknen“. Hier kommen in der klassischen Schulmedizin vor allem synthetische Hormonpräparate zum Einsatz, die den Zyklus unterdrücken. Gängig sind Gestagen-Therapien (Dienogest-Tabletten, langfristig kontinuierlich eingenommene Desogestrel-Minipille oder Dreimonatsspritze mit Medroxyprogesteronacetat). Gestagene sorgen für einen Progesteron-dominierten Zustand, der das Wachstum der Endometrioseherde bremst und oft die Schmerzen lindert. Ein weiteres starkes Mittel sind GnRH-Analoga (synthetische Abwandlungen des körpereigenen GnRH), die einen vorübergehenden künstlichen Wechseljahrzustand erzeugen – Östrogene fallen auf extrem niedrige Level, was Endometrioseherde schrumpfen lässt. Allerdings sind die Nebenwirkungen (Wechseljahrsbeschwerden, Knochendichteverlust) beträchtlich, weshalb diese Therapie zeitlich begrenzt und oft mit Add-back-Hormonen (geringe Dosis Estradiol/Gestagen) kombiniert wird. Auch die normale Antibabypille (meist natürlich mit Ethinylestradiol + Gestagen) wird häufig durchgehend gegeben, um die Periodenblutung und damit die Schmerzen auszusetzen.
Welche Rolle spielen natürliche Hormone? In der Standardtherapie einer aktiven Endometriose eher eine kleine. Natürliches Estradiol würde das Problem eher verschlimmern (Östrogene füttern die Herde). Natürliches Progesteron hat zwar theoretisch eine hemmende Wirkung auf Endometriose, müsste aber in hohen Dosen gegeben werden. Orales, bioidentisches Progesteron hat eine relativ geringe Bioverfügbarkeit und ist in Studien der Wirksamkeit spezifischer Gestagene wie Dienogest unterlegen. Deshalb enthalten selbst HRT-Kombinationen für die Wechseljahre oft lieber synthetische Gestagene anstatt Progesteron, um eine ausreichende Wirkung auf die Gebärmutterschleimhaut zu erzielen. Für Endometriose liegen keine etablierten Therapieschemata mit bioidentischem Progesteron vor – hier verlässt man sich auf die stärkeren synthetischen Gestagene.
Eine Ausnahme ist die Hormonspirale mit Levonorgestrel: Obwohl das ein synthetisches Gestagen ist, wirkt es lokal in der Gebärmutter und kann Endometrioseherde in der Gebärmutter (Adenomyose) und teilweise im Becken mitbeeinflussen. Manche zählen die Hormonspirale wegen ihrer Lokalwirkung zu einer „natürlicheren“ Behandlung, da die systemische Hormonbelastung geringer ist als bei Tabletten. Alternative Ansätze bei Endometriose konzentrieren sich eher auf nicht-hormonelle Strategien: entzündungshemmende Ernährung (wenig rotes Fleisch, dafür Omega-3-Fettsäuren), bestimmte Nahrungsergänzungsmittel (z.B. Curcumin, Resveratrol, N-Acetylcystein wurden in kleinen Studien untersucht) und Physio-/Schmerztherapie. Auch TCM (Traditionelle Chinesische Medizin) und Akupunktur kommen zum Einsatz, um das hormonelle Gleichgewicht zu beeinflussen. Ein interessanter punktueller naturidentischer Ansatz ist die Verwendung von Aromatasehemmern (wie Anastrozol) – diese sind zwar synthetische Medikamente, aber sie zielen darauf ab, die körpereigene Östrogenproduktion zu drosseln, was Endometriose bremsen kann. Allerdings sind Aromatasehemmer Off-Label im Einsatz und müssen wegen starker Nebenwirkungen ebenfalls mit Hormonen kombiniert werden (um Östrogenmangelerscheinungen abzufangen).
Wechseljahre

In den Wechseljahren sinkt die Produktion der weiblichen Geschlechtshormone (Östrogene und Progesteron) drastisch ab. Viele Frauen leiden dadurch an typischen Beschwerden: Hitzewallungen, Schweißausbrüche, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Scheidentrockenheit, Libidoverlust, um nur einige zu nennen. Hier kommt die Hormonersatztherapie (HRT) ins Spiel – und in diesem Feld ist die Debatte bioidentisch vs. synthetisch besonders prominent. Klassische HRT (insbesondere in den 1990er-Jahren) verwendete häufig konjugierte Pferdeöstrogene (CEE) in Kombination mit MPA (Medroxyprogesteronacetat) als Gestagen – wie im Präparat Prempro®, das auch in der großen WHI-Studie geprüft wurde. Die WHI-Ergebnisse 2002 hatten bekanntlich ein erhöhtes Brustkrebs- und Thromboserisiko unter dieser Kombination gezeigt, was zu einem drastischen Rückgang der HRT-Verordnungen führte.
In der Folge gerieten bioidentische Hormone in den Fokus: Viele fragten sich, ob es sicherer wäre, Hormone einzusetzen, die exakt den natürlichen entsprechen (also Estradiol statt Pferdeöstrogen, Progesteron statt MPA). Tatsächlich hat sich in den letzten 20 Jahren in Europa (und besonders im deutschsprachigen Raum) die Praxis geändert: Standard in der HRT ist heute häufig das bioidentische 17β-Estradiol, oft transdermal als Gel oder Pflaster, und zunehmend auch mikronisiertes Progesteron als Gelbkörperhormon. In Deutschland z.B. werden schon seit Jahren überwiegend diese bioidentischen Hormone eingesetzt. Studien wie die französische E3N-Kohortenstudie deuteten darauf hin, dass die Kombination Estradiol + natürliches Progesteron ein geringeres Brustkrebsrisiko haben könnte als Estradiol + synthetische Gestagene. In jener Studie war das Brustkrebsrisiko bei Frauen unter Estradiol-Progesteron-HRT nicht signifikant erhöht (RR ~1,0), während es unter Estradiol + gewissen synthetischen Gestagenen deutlich erhöht war (RR ~1,7). Diese Beobachtungen stützen die Annahme, dass bioidentisches Progesteron auf die Brust weniger proliferativ wirkt als z.B. MPA.
Auch beim Thromboserisiko gibt es Unterschiede: Transdermales Estradiol (Pflaster/Gel) vermeidet den First-Pass-Effekt in der Leber und erhöht bestimmte Gerinnungsfaktoren und Thromboembolierisiken kaum, während orales Ethinylestradiol (in der Pille) eine viel stärkere Auswirkung hat. Daher empfiehlt man in der Menopausentherapie heute oft Estradiol in nicht-oraler Form, um das Gerinnungsrisiko zu senken. Insgesamt versucht die „moderne HRT“ also, so nahe wie möglich an der Natur zu sein – mit Estradiol, Progesteron oder zumindest human-identischen Steroiden (Dydrogesteron, ein orales Gestagen, das dem Progesteron sehr ähnlich ist, wird auch gern verwendet). Bioidentische Hormone im Rahmen zugelassener Medikamente sind also mittlerweile Teil der evidenzbasierten Menopausentherapie. Wichtig ist: Auch bioidentische Hormone sind kein Allheilmittel ohne Risiko. Sie unterliegen denselben Wirkprinzipien wie körpereigene Hormone – das heißt, Östrogene (auch Estradiol) können in zu hoher Dosierung das Brustgewebe stimulieren und (ohne Gestagenschutz) zu Gebärmutterschleimhaut-Wucherungen führen. Progesteron kann in höherer Dosierung Müdigkeit und Schläfrigkeit verursachen und – oral eingenommen – teils zu Schwindel oder Verdauungsproblemen führen.
Die größten Nutzen der HRT liegen in der wirksamen Linderung der Wechseljahresbeschwerden (besonders Hitzewallungen und Schlafstörungen), der Prävention von Osteoporose (Knochenschutz) und möglicherweise positiven Effekten auf Stimmung und urogenitale Gesundheit. Die Risiken umfassen je nach Regime ein leicht erhöhtes Brustkrebsrisiko (vor allem bei längerer Einnahme von Östrogen-Gestagen-Kombinationen), sowie Thrombosen/Embolien und Schlaganfälle vor allem bei predisponierten Frauen. Diese Risiken sind dosis- und Substanzabhängig: So scheint Progesteron das Brustkrebsrisiko weniger zu erhöhen als synthetische Gestagene, und transdermales Estradiol birgt kaum zusätzliches Thromboserisiko im Vergleich zu oralem Ethinylestradiol.
Weil viele Frauen nach der WHI-Studie verunsichert waren, erlebten pflanzliche Präparate einen Aufschwung. Phytoöstrogene aus Soja oder Rotklee, Traubensilberkerzen-Extrakt (Cimicifuga) und andere Nahrungsergänzungsmittel wurden zunehmend populär. Die Idee: milde, „natürliche“ Östrogenwirkungen aus Pflanzen sollen Hitzewallungen lindern, ohne die Nebenwirkungen der synthetischen HRT. Die wissenschaftliche Auswertung dieser Ansätze zeigt ein gemischtes Bild (siehe nächstes Kapitel zu Phytohormonen) – insgesamt konnte keine eindeutige Wirksamkeit von Phytoöstrogenen über Placebo nachgewiesen werden, auch wenn manche Frauen individuell Besserung erfahren.
Von alternativer Seite wird zudem oft propagiert, Hormone im Speichel zu messen und darauf basierend individuelle bioidentische Hormonmischungen (sogenannte compounded bioidenticals, z.B. „Tri-Est“ Cremes mit Estradiol, Estriol und Estron) herzustellen. Hier ist jedoch Vorsicht geboten: Solche magistralen Rezepturen sind nicht behördlich reguliert, unterliegen nicht der gleichen strengen Qualitätskontrolle wie Fertigarzneimittel und ihre Dosiergenauigkeit sowie Sicherheit sind nicht durch große Studien belegt. Gesundheitsbehörden wie die FDA und Fachgesellschaften (z.B. die Endocrine Society) warnen, dass der Begriff „bioidentische Hormontherapie“ in diesem Zusammenhang oft ein Marketing-Label ist, dem keine ausreichende wissenschaftliche Evidenz zugrunde liegt. Mit anderen Worten: Bioidentische Hormone in zugelassenen Präparaten sind gut untersucht und stellen eine wirksame Option dar, aber bioidentische „Maßanfertigungen“ aus der Apotheke sind kritisch zu sehen, solange sie nicht durch Studien geprüft sind.


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FAQs
Bioidentische Hormone sind in ihrer Molekülstruktur exakt identisch mit den Hormonen, die der menschliche Körper selbst produziert – z. B. Estradiol oder Progesteron. Synthetische Hormone dagegen sind chemisch modifizierte Derivate (z. B. Ethinylestradiol, Medroxyprogesteronacetat), die stärker oder länger wirken, aber auch unerwünschte Rezeptoraktivitäten auslösen können. Bioidentische Hormone „passen“ präziser an die körpereigenen Rezeptoren und gelten daher als physiologischer.
Nicht automatisch. Auch bioidentische Hormone sind potente Wirkstoffe und müssen individuell dosiert werden. Studien zeigen jedoch, dass z. B. Estradiol + Progesteron ein günstigeres Risikoprofil aufweisen können als konjugierte Pferdeöstrogene + synthetische Gestagene, insbesondere hinsichtlich Thrombosen und Brustkrebsrisiko. Entscheidend sind Applikationsform, Dosierung und individuelle Risikofaktoren.
Bioidentische Hormone können zyklusunterstützend oder symptomlindernd wirken – z. B. Progesteron bei PMS oder Estradiol bei klimakterischen Beschwerden. Bei PCOS oder Endometriose liegt die Ursache jedoch tiefer (Insulinresistenz, Entzündung, Östrogendominanz). Hier wirken bioidentische Hormone nur unterstützend und sollten in ein ganzheitliches Konzept aus Ernährung, Mikronährstoffen und Stressregulation eingebettet werden.
Phytohormone sind pflanzliche Moleküle (z. B. Isoflavone, Lignane, Genistein), die strukturell Östrogen ähneln und an Östrogenrezeptoren binden können. Sie wirken meist schwächer, aber selektiv, was sie für milde Wechseljahresbeschwerden interessant macht. Studien zeigen moderate Verbesserungen von Hitzewallungen, Haut und Stimmung – allerdings ersetzen sie keine Hormontherapie bei starkem Mangel.
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