Nährstoffmängel und Unfruchtbarkeit: Was eine nationale Studie 2026 zeigt

Wenn Du Dich fragst ob Unfruchtbarkeit mit Nährstoffmängeln zusammenhängt findest Du schnell zwei Extreme: Entweder: „Nimm dieses Vitamin – Problem gelöst.“ Oder: „Ernährung spielt kaum eine Rolle.“ Die Wahrheit liegt – wie so oft – dazwischen.

2026 wurde in PLOS ONE eine große, nationale Analyse veröffentlicht, die genau diese Frage auf Bevölkerungsebene untersucht hat: Unterscheiden sich Frauen mit selbstberichteter Infertilität in ihrer Mikronährstoffaufnahme von anderen Frauen? Diese Studie schauen wir uns gemeinsam genauer an.

Written by

Lee Pape, MSc

Die Diskussion um Nährstoffmängel und Unfruchtbarkeit wird häufig entweder vereinfacht oder kommerzialisiert geführt. Zwischen pauschalen Ernährungsempfehlungen und aggressivem Supplement-Marketing fehlt oft die nüchterne wissenschaftliche Einordnung.

Eine 2026 publizierte Analyse von Murphy et al. (PLOS One) untersuchte auf Basis der US-amerikanischen NHANES-Daten (2013–2020), ob sich Unterschiede in der üblichen Mikronährstoffaufnahme zwischen Frauen mit und ohne selbstberichtete Infertilität zeigen. Insgesamt wurden 3.900 Frauen im Alter von 19–44 Jahren eingeschlossen, darunter 412 mit Angabe, mindestens ein Jahr erfolglos versucht zu haben, schwanger zu werden.

Die Ergebnisse sind differenziert. Sie zeigen keine Kausalität – aber sie offenbaren relevante Versorgungslücken.

Was wurde untersucht?

Veröffentlicht in PLOS ONE (Murphy et al., 2026), basiert die Analyse auf den Daten der NHANES-Erhebung (National Health and Nutrition Examination Survey) aus den Jahren 2013–2020. NHANES ist eine der größten und methodisch robustesten Gesundheitsbefragungen der USA: Sie kombiniert persönliche Interviews, detaillierte Ernährungsprotokolle, Supplement-Erfassung und Gesundheitsparameter in einer repräsentativen Stichprobe der US-Bevölkerung.

Stichprobe:

3.900 Frauen im reproduktiven Alter (19-44 Jahre), davon 412 mit selbstberichteter Infertilität – also Frauen, die angaben, mindestens zwölf Monate lang erfolglos versucht zu haben, schwanger zu werden.

Definition von Infertilität:

Teilnehmerinnen galten als unfruchtbar, wenn sie angaben, mindestens zwölf Monate lang erfolglos versucht zu haben, schwanger zu werden. Es handelte sich nicht um klinisch diagnostizierte Fälle, sondern um Selbstangaben. Das ist später wichtig für die Interpretation.

Wie wurde die Nährstoffaufnahme gemessen?

Hier wird es spannend, denn in der Erhebung liegt das methodisches Detail, das den Unterschied zwischen einer guten und einer oberflächlichen Studie macht.

Die Nährstoffaufnahme wurde über 24-Stunden-Recalls erfasst. Dabei handelt es sich um ein standardisiertes Verfahren, bei dem Teilnehmerinnen an zwei verschiedenen Zeitpunkten detailliert berichten, was sie in den letzten 24 Stunden gegessen haben. Tag 1 fand als persönliches Interview statt, Tag 2 als Telefoninterview drei bis zehn Tage später. Ergänzend wurde die Supplement-Einnahme der letzten 30 Tage erfasst.

Das Problem dabei: Menschen essen nicht jeden Tag gleich, sodass ein einzelner Tag wenig aussagt. Aus dem Grund verwendeten die Forschenden die sogenannte NCI-Methode (National Cancer Institute Method) – ein statistisches Verfahren, das aus zwei Einzeltagen eine geschätzte „übliche Aufnahme" (usual intake) berechnet. Es glättet die natürlichen Schwankungen im Essverhalten und liefert ein realistischeres Bild der langfristigen Versorgung. Das macht diese Studie methodisch deutlich belastbarer als einfache Tagesdurchschnitte.

Bewertet wurden unter anderem:

  • Vitamin A, C, D, E, K

  • Vitamin B6, B12, Niacin, Thiamin, Riboflavin

  • Folsäure (als DFE)

  • Magnesium, Calcium, Eisen, Zink, Selen

  • Cholin, Kalium

  • EPA + DHA

  • Lutein + Zeaxanthin

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Was heißt hier eigentlich „Nährstoffmangel"?

Das ist entscheidend und oft wird es missverstanden, daher jetzt gut aufpassen.

Die Studie misst keinen Blutmangel. Sie berechnet, welcher Anteil der Frauen unterhalb des EAR liegt – das ist der Estimated Average Requirement, also die geschätzte durchschnittliche Zufuhrmenge, unterhalb derer die Wahrscheinlichkeit einer unzureichenden Versorgung statistisch bei über 50 % liegt. Bei einigen Nährstoffen ohne ausreichende Datenlage wird stattdessen der AI (Adequate Intake) als Referenzwert verwendet.

Leicht gesagt: Es geht um die Wahrscheinlichkeit unzureichender Aufnahme über die Ernährung und nicht um eine medizinische Diagnose. Denn um das in einer Studie darzustellen, würden viel mehr Forschungsgelder benötigt werden. Denn pro Teilnehmerin einen Bluttest zu machen ist eine kostspielige Angelegenheit. Dennoch ist auch diese Art der Erhebung sehr relevant, denn wer dauerhaft zu wenig aufnimmt, riskiert langfristige Unterversorgung.

Die Ergebnisse: Wo zeigen sich Nährstofflücken?

Frauen mit selbstberichteter Infertilität wiesen im Vergleich zu Frauen ohne Infertilität signifikant niedrigere Aufnahmen mehrerer Mikronährstoffe auf. Die auffälligsten Unterschiede zeigten sich bei den fettlöslichen Vitaminen sowie bei antioxidativen Nährstoffen. Hier sind die zentralen Befunde:

  • Vitamin A: Frauen mit Infertilität nahmen im Schnitt 506 µg RAE pro Tag auf, Frauen ohne Infertilität 581 µg RAE. Was bedeutet das in der Praxis? Der Anteil der Frauen, der unterhalb des EAR lag, betrug 56,2 % bei Frauen mit Infertilität gegenüber 44,0 % bei Frauen ohne Infertilität.

  • Vitamin E: Hier zeigte sich die dramatischste Unterversorgung der gesamten Analyse: 87,3 % der Frauen mit Infertilität lagen unterhalb des EAR – bei alleiniger Betrachtung der Aufnahme über Lebensmittel (ohne Supplements). Das ist kein kleiner Unterschied. Vitamin E ist ein fettlösliches Antioxidans, das u. a. Zellen vor oxidativem Stress schützt.

  • Vitamin K und C: Beide Nährstoffe spielen wichtige Rollen im Hormon- und Immunstoffwechsel, sowie von Lutein und Zeaxanthin – pflanzlichen Carotinoiden aus grünem Blattgemüse, die antioxidative Schutzfunktionen übernehmen. Auch hier zeigten sich Defizite bei Frauen mit Infertilität.

  • Vitamin B6: Auch die Aufnahme von Vitamin B6 war bei Frauen mit Infertilität signifikant niedriger als bei der Vergleichsgruppe. Vitamin B6 ist am Aminosäurestoffwechsel beteiligt, spielt eine Rolle bei der Produktion von Neurotransmittern und wird zudem im Zusammenhang mit Progesteronwirkung und Gelbkörperfunktion diskutiert – also genau den hormonellen Prozessen, die für einen gesunden Zyklus zentral sind.

  • Magnesium und Kalium:

    Beide Mineralien wiesen bei Frauen mit Infertilität messbar niedrigere Aufnahmen auf. Magnesium ist an über 300 enzymatischen Reaktionen im Körper beteiligt, darunter solche, die direkt mit der Schilddrüsenfunktion, Stressregulation und dem Energiestoffwechsel zusammenhängen. Kalium ist ein wichtiges Elektrolyt, das u. a. die Herzfunktion und die Zellfunktion reguliert.

  • Selen:

    Selen ist ein Spurenelement, das der Körper für die Produktion von Schilddrüsenhormonen und für antioxidative Schutzmechanismen benötigt. Die Studie zeigt, dass Frauen mit Infertilität auch hier signifikant geringere Aufnahmen aufwiesen.

  • EPA + DHA (Omega-3-Fettsäuren): EPA und DHA sind langkettige Omega-3-Fettsäuren, die der Körper nur in geringem Maße selbst herstellen kann und primär über fettreichen Fisch aufnimmt. Sie spielen eine Rolle bei der Regulation von Entzündungsprozessen und werden im reproduktionsmedizinischen Kontext zunehmend erforscht. Auch hier zeigte die Analyse niedrigere Aufnahmen bei Frauen mit Infertilität.

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Was diese Studie nicht zeigt – und warum das wichtig ist

Hier müssen wir ehrlich sein – und das ist kein Wermutstropfen, sondern ein Zeichen guter Wissenschaft.

Die Studie ist eine sogenannte Querschnittsanalyse. Das bedeutet: Nährstoffaufnahme und Fruchtbarkeitsstatus wurden zum selben Zeitpunkt erfasst. Daraus lässt sich nicht ableiten, ob ein Nährstoffmangel zur Infertilität beigetragen hat – oder ob umgekehrt andere Faktoren (z. B. Stress, bestimmte Erkrankungen, Ernährungsveränderungen durch den unerfüllten Kinderwunsch selbst) beides beeinflusst haben.

Hinzu kommt: „Infertilität" wurde durch Selbstangabe definiert, nicht durch klinische Diagnostik. Das ist methodisch valide für eine Bevölkerungsstudie, aber bedeutet, dass einzelne Fälle von anderen, nicht-nutritiven Ursachen für Unfruchtbarkeit (z. B. anatomische oder chromosomale Faktoren) nicht ausgeschlossen werden.

Was die Studie aber zeigt: Es existieren messbare, systematische Unterschiede in der Mikronährstoffversorgung zwischen beiden Gruppen. Das ist kein Zufall – und es ist ein Befund, der für die Ernährungsberatung und präventive Versorgung von Frauen mit Kinderwunsch relevant ist.

Was bedeutet das für Dich?

Diese Daten liefern keinen Beweis, dass ein Nahrungsergänzungsmittel Unfruchtbarkeit heilt. Wer dir das verspricht, lügt.

Aber was sie zeigen: Viele Frauen im reproduktiven Alter sind nicht optimal versorgt – und dieser Mangel tritt bei Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch besonders häufig auf. Ob das eine Rolle bei der Fertilität spielt, ob es ein begleitender Faktor ist oder eine Konsequenz anderer Umstände – das lässt sich aus dieser Studie allein nicht sagen.

Was sich sagen lässt: Eine gezielte, gut abgestimmte Mikronährstoffversorgung ist kein Luxus. Sie ist eine Grundlage – für hormonelle Balance, für Zellgesundheit, für die Energie, die Dein Körper täglich braucht. Und gerade wenn Du Deinen Körper auf eine Schwangerschaft vorbereiten möchtest, lohnt es sich, genau hinzuschauen: Was nimmst Du wirklich auf?

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Ärztin und Gründerin von Hormonic - einem Startup für Frauengesundheit.

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FAQs

Das lässt sich auf Basis der aktuellen Studienlage nicht pauschal bejahen — und wer Dir das verspricht, vereinfacht zu stark. Was die Forschung zeigt, ist ein anderes, aber nicht weniger relevantes Bild: Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch weisen im Bevölkerungsvergleich häufiger messbare Unterversorgungen bei bestimmten Mikronährstoffen auf. Ob diese Mängel zur Unfruchtbarkeit beitragen, sie begleiten oder durch andere Faktoren entstehen, lässt sich aus Querschnittsstudien wie der NHANES-Analyse von 2026 nicht ableiten. Kausalität ist nicht dasselbe wie Korrelation — und gute Wissenschaft macht diesen Unterschied.

Die NHANES-Analyse (Murphy et al., 2026) identifizierte mehrere Nährstoffe, bei denen Frauen mit selbstberichteter Infertilität signifikant niedrigere Aufnahmen hatten als der Durchschnitt. Besonders auffällig waren Vitamin E (mit Unterversorgungsraten von über 87 %), Vitamin A, Vitamin C, Vitamin K, Vitamin B6, Magnesium, Kalium, Selen sowie die Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA. Wichtig: Diese Zahlen beziehen sich auf die Aufnahme über Lebensmittel — Supplemente wurden getrennt erfasst.

Supplemente können sinnvoll sein — aber als Ergänzung, nicht als Ersatz für eine fundierte Bestandsaufnahme. Was die Wissenschaft zeigt, ist, dass viele Frauen über die Ernährung allein bestimmte Mikronährstoffe nicht in ausreichender Menge aufnehmen, die für eine gesunde Eizellreifung und Zyklusbalance relevant sind. Bevor Du unkontrolliert supplementierst, lohnt es sich, den eigenen Status zu kennen: Eine Hormon- und Mikronährstoffdiagnostik wie mit dem At-Home-Diagnostik-Kit von Hormonic gibt Dir ein klares Bild davon, wo Du tatsächlich stehst — und was Dein Körper wirklich braucht.

Vitamin E ist ein fettlösliches Antioxidans, das Zellen — darunter auch Eizellen — vor oxidativem Stress schützt. Die NHANES-Studie (2026) zeigt, dass Vitamin E der Nährstoff mit der auffälligsten Unterversorgung in der Gruppe der Frauen mit Infertilität war: Über 87 % lagen unterhalb des EAR. Ob eine bessere Versorgung direkt die Fruchtbarkeit verbessert, lässt diese Studie offen. Sie zeigt aber, dass ein großer Teil der betroffenen Frauen hier deutlich unter dem empfohlenen Referenzwert liegt — und das ist ein Befund, den man ernst nehmen sollte.