In meiner Sprechstunde sitzt regelmäßig eine Frau, die mir erzählt, sie nehme seit vier Monaten Mönchspfeffer. Meistens kommt der Satz mit einem leichten Schulterzucken: Es habe ihr jemand empfohlen, es sei ja pflanzlich, schaden könne es nicht. Dann frage ich, welches Präparat genau, und fast nie weiß sie es. Genau an dieser Stelle beginnt das eigentliche Thema, wenn es um die Mönchspfeffer Wirkung geht. Sie ist real. Sie ist besser untersucht als bei fast jeder anderen Pflanze in der Frauengesundheit. Und sie hängt an einer Genauigkeit, die auf den meisten Packungen im Regal schlicht nicht steht.
Ich schreibe das als Ärztin und als Mitgründerin einer Marke, die Mönchspfeffer bewusst nicht verwendet. Diese Position lege ich offen, damit Du sie beim Lesen mitdenken kannst. Was Du hier nicht bekommst, ist eine der beiden bequemen Versionen: weder „Naturheilmittel gegen alles“ noch „pflanzlicher Unsinn“. Beides ist falsch. Die Wahrheit liegt in den Details, und die Details sind interessanter als beide Schlagzeilen.
Was ist Mönchspfeffer eigentlich?
Mönchspfeffer sind die getrockneten, pfefferkörnigen Früchte des Keuschlamms, botanisch Vitex agnus-castus. Du findest die Pflanze unter mehreren Namen, und das ist beim Suchen wichtig: Keuschlamm, Agnus castus, Agni casti fructus auf dem Beipackzettel, Keuschlammfrüchte im Reformhaus. Es ist immer dieselbe Pflanze.
Der Name trägt seine eigene Geschichte. Die Früchte schmecken scharf, ähnlich wie Pfeffer, und im Mittelalter galten sie als Mittel, das die Libido dämpft. In Klöstern wurden sie deshalb als Gewürz verwendet. Dass ein Mittel gegen Begehren mehr als tausend Jahre später in der Gynäkologie landet, ist eine dieser ironischen Wendungen der Medizingeschichte, und es sagt nichts über die Wirkung aus. Die interessanten Daten sind alle aus den letzten dreißig Jahren.
Was heute zählt: In Deutschland gibt es Mönchspfeffer auf zwei völlig getrennten Wegen. Einmal als zugelassenes oder registriertes Arzneimittel, geprüft nach Arzneimittelgesetz. Und einmal als Nahrungsergänzungsmittel, meist als gemahlenes Fruchtpulver in Kapseln, ohne diese Prüfung. Beide stehen nebeneinander im Regal und sehen sich ähnlich. Sie sind es nicht.
Wie Mönchspfeffer im Körper wirkt
Die beste Erklärung lautet: Mönchspfeffer greift vermutlich am Dopamin-D2-Rezeptor der Hirnanhangsdrüse an und dämpft dadurch die Ausschüttung von Prolaktin. Diese Kette ist im Labor belegt, beim Menschen aber nur teilweise.
Der Laborteil ist stark. Eine Arbeitsgruppe isolierte 2024 zwölf Einzelsubstanzen aus dem Extrakt Ze 440 und testete sie an menschlichen D2-Rezeptoren in Zellkultur. Drei davon aktivierten den Rezeptor messbar, Viteagnusin I mit einer EC50 von 6,6 µM, Rotundifuran mit 12,8 µM, 3-epi-Maslinsäure mit 5,1 µM (Reinhardt et al., 2024). Erstmals zeigte sich, dass nicht nur Diterpene, sondern auch Triterpene beteiligt sind. In Rattenhypophysen-Zellkulturen hemmen Clerodadienole die cAMP-Bildung und die Prolaktinfreisetzung (Tamagno et al., 2023).
Der Menschteil ist deutlich schwächer, und hier wird in Ratgebertexten am meisten übertrieben. Die EMA formuliert es in ihrem Bewertungsbericht sehr nüchtern: Die Ergebnisse zum Einfluss auf den Prolaktinspiegel seien uneinheitlich, eine Senkung erhöhter Prolaktinwerte sei bisher nicht schlüssig bewiesen, und der Wirkmechanismus sei nicht vollständig verstanden. Noch aufschlussreicher ist eine Studie an 67 Frauen: Die prämenstruellen Beschwerden besserten sich, das Prolaktin blieb unverändert (Ma et al., 2010). Wenn die Beschwerden zurückgehen, ohne dass sich der Marker bewegt, dann ist die Geschichte vom Prolaktin bestenfalls die halbe Erklärung.
Dazu kommt eine Merkwürdigkeit, die selten erwähnt wird: Die Dosis-Wirkungs-Beziehung ist nicht linear. Über die Studien hinweg wurden Dosen von 20 bis 1.800 mg eingesetzt, und in mindestens einer Untersuchung erhöhten niedrige Dosen das Prolaktin, während hohe es senkten. Die Autoren eines Reviews von 2023 nennen die pharmakologischen Zusammenhänge in diesem Setting schlicht „obscure“, also ungeklärt. Mönchspfeffer bindet zudem an Östrogenrezeptoren und an Opioidrezeptoren. Es ist kein Ein-Ziel-Wirkstoff, und das ist ein Grund, warum die einfache Erzählung nicht trägt.
Die Wirkung von Mönchspfeffer ist keine Eigenschaft der Pflanze. Sie ist eine Eigenschaft eines bestimmten Extrakts in einer bestimmten Dosis.
Welcher Extrakt in welcher Dosis untersucht wurde
Diese Tabelle ist der praktisch wichtigste Teil des ganzen Artikels. Wenn Du vor dem Regal stehst, entscheidet sie darüber, ob das Produkt in Deiner Hand irgendetwas mit den Studien zu tun hat, die Dir jemand als Begründung genannt hat.
| Zubereitung | Spezifikation | Dosis | Status |
|---|---|---|---|
| Ze 440 | Trockenextrakt, DER 6-12:1, Ethanol 60 % m/m | 20 mg pro Tag | Anerkannte medizinische Verwendung bei PMS |
| BNO 1095 | Trockenextrakt, DER 7-11:1, Ethanol 70 % | 4 mg pro Tag | Traditionelle Verwendung |
| Fruchtpulver | gemahlene Droge | 300 bis 800 mg pro Tag | Traditionelle Verwendung, kein Wirksamkeitsnachweis |
| Tinktur 1:5 | Ethanol 68-70 % V/V | 165 mg pro Tag | Traditionelle Verwendung |
Quelle ist der Bewertungsbericht der EMA zu Vitex agnus-castus. „Anerkannte medizinische Verwendung“ heißt: Es gibt kontrollierte Studien, die eine Wirkung bei einer definierten Indikation zeigen. „Traditionelle Verwendung“ heißt: Es wird seit Jahrzehnten so benutzt, und daraus leitet sich Plausibilität ab, nicht Wirksamkeit. Das ist kein juristisches Kleingedrucktes, sondern der ganze Unterschied. Mehr zu den Beschwerden, um die es hier geht, findest Du in unserem Beitrag zu Ursachen und Symptomen von PMS.
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Häufige Fragen zu Mönchspfeffer
Wie lange dauert es, bis Mönchspfeffer wirkt?
Wann sollte man Mönchspfeffer nicht nehmen?
Kann ich Mönchspfeffer nehmen, wenn ich die Pille nehme?
Nimmt man von Mönchspfeffer zu?
Wissenschaftliche Quellen
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- Schellenberg R., Zimmermann C., Drewe J., Hoexter G., Zahner C. (2012). Dose-dependent efficacy of the Vitex agnus castus extract Ze 440 in patients suffering from premenstrual syndrome. Phytomedicine 19(14):1325-1331. doi:10.1016/j.phymed.2012.08.006
- Verkaik S., Kamperman A.M., van Westrhenen R., Schulte P.F.J. (2017). The treatment of premenstrual syndrome with preparations of Vitex agnus castus: a systematic review and meta-analysis. Am J Obstet Gynecol 217:150-166. doi:10.1016/j.ajog.2017.02.028
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