Vor Kurzem saß mir in der Sprechstunde eine Frau Mitte 40 gegenüber, die seit Monaten überzeugt war, mitten in den Wechseljahren zu stecken. Müde, ein paar Kilo mehr, dünneres Haar, gereizte Stimmung. Alles passte ins Bild. Erst ein Blick auf ihre Schilddrüsenwerte zeigte etwas anderes: Ihr TSH war deutlich erhöht, und ein großer Teil ihrer Beschwerden kam von einer beginnenden Schilddrüsenunterfunktion, nicht allein vom sinkenden Östrogen.
Solche Verwechslungen sehe ich oft. Denn Östrogenmangel und Schilddrüse sind enger miteinander verbunden, als die meisten Frauen ahnen, und sie verursachen erstaunlich ähnliche Beschwerden. Manchmal steckt hinter der vermeintlichen Wechseljahres-Müdigkeit die Schilddrüse, manchmal ist es genau umgekehrt, und nicht selten spielt beides zusammen.
Wenn zwei Hormonsysteme dieselben Beschwerden auslösen und in der Lebensmitte gleichzeitig ins Wanken geraten, hilft kein Bauchgefühl. Es hilft nur ein Blick auf die Werte.
Wie hängen Östrogenmangel und Schilddrüse zusammen?
Östrogenmangel und Schilddrüse hängen auf zwei Ebenen zusammen. Erstens beeinflusst Östrogen direkt, wie viel Schilddrüsenhormon in Deinem Blut gebunden vorliegt, weil es die Bildung des Transportproteins TBG steuert. Zweitens überschneiden sich die Symptome von Östrogenmangel und einer Schilddrüsenunterfunktion so stark, dass sie im Alltag kaum auseinanderzuhalten sind. Dazu kommt, dass beides bei Frauen rund um die Wechseljahre gehäuft auftritt.
Das Ergebnis ist eine Art Nebel: Deine Beschwerden sind echt, aber ihre Ursache ist von außen nicht eindeutig ablesbar. Die folgende Tabelle zeigt, wie ähnlich sich die Symptome sind und welche Laborwerte am Ende Klarheit bringen.
| Symptom | Östrogenmangel (Peri-/Postmenopause) | Schilddrüsenunterfunktion |
|---|---|---|
| Müdigkeit, Erschöpfung | häufig | häufig |
| Gewichtszunahme | möglich | häufig |
| Stimmungstief, Reizbarkeit | häufig | möglich |
| Haarausfall, trockene Haut | möglich | häufig |
| Frieren, Kälteempfindlichkeit | seltener | typisch |
| Hitzewallungen, Schwitzen | typisch | seltener |
| Klärende Werte | Östradiol, FSH | TSH, fT4, TPO-AK |
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Häufige Fragen zu Östrogenmangel und Schilddrüse
Kann Östrogenmangel die Schilddrüse beeinflussen?
Warum sind Schilddrüsenprobleme in den Wechseljahren häufiger?
Welche Werte sollte ich testen lassen?
Hilft Selen bei der Schilddrüse?
Wissenschaftliche Quellen
- Mintziori G, et al. (2024). EMAS position statement: Thyroid disease and menopause. Maturitas 185:107991. doi:10.1016/j.maturitas.2024.107991
- Selenium Supplementation in Patients with Hashimoto Thyroiditis: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Clinical Trials (2024). Thyroid 34(5):563-574. doi:10.1089/thy.2023.0556
- Arafah BM (2001). Increased need for thyroxine in women with hypothyroidism during estrogen therapy. New England Journal of Medicine 344(23):1743-1749. doi:10.1056/NEJM200106073442302
- Mahmoodianfard S, et al. (2015). Effects of Zinc and Selenium Supplementation on Thyroid Function in Overweight and Obese Hypothyroid Female Patients: A Randomized Double-Blind Controlled Trial. Journal of the American College of Nutrition 34(5):391-399. doi:10.1080/07315724.2014.926161
- Winther KH, et al. (2020). Selenium in thyroid disorders: essential knowledge for clinicians. Nature Reviews Endocrinology 16(3):165-176. doi:10.1038/s41574-019-0311-6
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